Pro

Fotos von Essen. Quasi das Stillleben der Neuzeit. Schon lange vor unserer Zeit wurden Früchte, Weingläser, Fisch und Käse aufwändig am Tisch arrangiert und anschließend in zeitaufwändiger Arbeit mit Öl auf Holz oder Leinwand gekünstelt. In Zeiten der Handykameras geht das um vieles schneller: Einfach die Köstlichkeiten ansehnlich anordnen oder den fertigen Teller des gegenwärtig besuchten Restaurants verwenden, Handy aus der Tasche kramen, die richtige Perspektive sowie den passenden Lichteinfall wählen und losknipsen. Schon hat man ein wunderbares Stillleben, das man nach dem Fotografieren auch noch verspeisen kann. Und ich als erklärter und absolut ideenloser Kochmuffel, der auf Grund dessen von Lieferservice und Tiefkühl-Pizza lebt, ist daher immer dankbar für sachdienliche Hinweise bezüglich des anstehenden Mittag- oder Abendessens. Ich sage also: Ein Hoch auf Bilder von Essen auf sämtlichen sozialen Kanälen! Denn was spornt mehr zum Kochen an als Aufnahmen, die mir allein beim Ansehen sämtliche Wasser im Munde zusammenlaufen lassen? Dank solch inspirierender Fotos finde auch ich hin und wieder den Weg in die Küche, um mir und meiner besseren Hälfte ein frisches Mahl zuzubereiten oder um anstatt die TK-Pizza zu vierteln zumindest Zucchini anzubraten – so zwecks gutem Gewissen und so. Im Gegenzug bin ich unfassbar stolz auf mich, wenn ich etwas eigenhändig gekocht habe, dass auch ich es unverzüglich der ganzen Welt mitteilen möchte – und schon sendet mein Handy ein Bild von meiner grandiosen Gaumenkreation an das World Wide Web. Ich wünsche mir daher noch viele weitere Essensbilder – vielleicht werde ich dadurch irgendwann zur passionierten Meisterin der Küchengeräte (wohl eher nicht – aber die Hoffnung stirbt zuletzt!).

Teresa

Contra

Wann immer Fotos von mehr oder weniger genüsslich zubereiteten Speisen über mein Display huschen, egal ob auswärts im Restaurant gereicht oder selbst zuhause „zusammengebastelt“, frage ich mich nach dem Mehrwert der Verbreitung dieser Bildnisse über ein soziales Netzwerk. Welche Intention verfolgt der Urheber der gastronomischen Momentaufnahme? Möchte mir mein sozialer Kontakt wirklich nur mitteilen, dass er sich gerade genüsslich den Bauch vollschlägt und, angesichts der meist üppigen Portionen, vermutlich sogar noch die Hälfte übrig lässt, während Millionen Menschen in zahlreichen Regionen dieses Planeten der Luxus einer überlebensnotwendigen Mahlzeit verwehrt bleibt? Wohl eher nicht. Dank der geradezu diktatorischen Lebensoptimierungsrichtlinien unzähliger hochglänzender Beauty- und Wellness-Bibeln breitet sich schon vor dem ersten Bissen der Köstlichkeit das schlechte Gewissen aus und der Trainingslauf für den bevorstehenden Halbmarathon muss minutiös geplant werden – inklusive obligatorischer Veröffentlichung mithilfe der Tracking-App natürlich.

Meist drängt sich vielmehr das Gefühl auf, dass mit Essens-Fotos einzig und allein die Social Media Illusion, die der Poster über Jahre hinweg mühsam für die Außenwelt aufgebaut hat, weiter gepimpt werden soll. All das natürlich nur, um den Neid der Kontakte zu schüren, das überdurchschnittlich tolle Leben zu präsentieren und um dadurch das Selbstwertgefühl weiter künstlich zu steigern. Eine persönliche Einladung zum gemeinsamen Mittag- oder Abendessen wäre schließlich wesentlich besser dazu geeignet, den Genuss einer Mahlzeit und das angenehme Ambiente zu teilen. Besser jedenfalls, als ein schlecht belichtetes Foto, das im Werbungsmorast der Timeline kaum mehr wahrgenommen wird. Selbstverständlich würde das voraussetzen, dass man den Moment tatsächlich um des Momentes Willen teilen möchte. Meiner Meinung nach sind die einzig legitimen Gründe, Essensfotos über Facebook und Co zu teilen: die Präsentation eines Rezeptes und die Empfehlung/Bewertung eines Restaurants. Aber wer interessiert sich in Zusammenhang mit sozialen Netzwerken schon für den Begriff Mehrwert?

Hans

5.0510

geschrieben von

Team
Teresa

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